Blog-Eintrag vom 26. März 2020

Jutta Clarke
Pädagogische Hochschule Kärnten – Viktor Frankl Hochschule

 

Logotherapie weltweit – 1- Uruguay

Die Viktor Frankl-Hochschule verwendet an vielen Stellen, z.B. auf Heften, Taschen und Briefköpfen das Frankl-Zitat „Werte kann man nicht lehren, man kann sie nur vorleben.“ Der folgende Text (aus dem Spanischen in meiner Übersetzung) des uruguayanischen Psychologen Leonardo Bueno interpretiert dieses Frankl-Zitat auf eindringliche Weise. Obwohl ich mich so gut wie täglich mit dem Werk Viktor Frankls auseinandersetzt, hat mich dieser Text besonders berührt. Deshalb möchte ich ihn mit Ihnen teilen und wünsche Ihnen wert-volle Momente beim Lesen und der Reflexion der Worte von Leonardo Bueno unter der treffenden Überschrift:

 

Infizieren mit Werten

 

Wir leben in einer vorwiegend extrovertierten Kultur. "Ausgesprochene" Kommunikation, Worte, werden sehr hoch bewertet. Die Welt der Werte gehört jedoch zur Welt der Erfahrungen. Es geht nicht darum, über Werte zu sprechen: es geht um lebendige Werte. Erziehung zu Werten gelingt nicht durch das Sprechen über Werte.

Die Entstehung und das Wachstum, die Wirkung von Werten haben mit der gelebten Erfahrung zu tun. Unsere Kinder lernen nicht von dem, was wir ihnen sagen; sie lernen aus unserem Leben. Sie schauen uns an und beobachten uns, ohne dass wir es merken. Sie lernen, wie wir eine Krise leben, aus unserer Einstellung zur Arbeit, aus dem Umgang mit Unangenehmem, aus dem, was wir schätzen, oder davon, wie wir Zuneigung zum Ausdruck bringen, sie lernen einfach durch "Schauen". Das Modell, nach dem sie sich selbst bilden (ob es uns gefällt oder nicht), sind wir und wie wir unser Leben leben.

Viele werden diese indianische Geschichte kennen. Im Lichte des Lagerfeuers sprach ein alter Mann zu seinen Enkelkindern: "Im Herzen des Menschen kämpfen zwei Wölfe. Der eine ist Freundlichkeit, Solidarität, Geduld, Mitgefühl; der andere ist das Böse, Egoismus, Unruhe, Misstrauen." Eines der Enkelkinder fragte ihn: "Großvater, welcher der beiden Wölfe wird gewinnen?" Der alte Mann antwortete: "Der, den wir füttern."

In diesen Tagen, bei unvermeidbaren Ausflügen in den Supermarkt oder in die Apotheke, beobachten wir verschiedene Menschen. Dabei erinnerte ich mich an diese Geschichte. Ich sah Menschen, die wie verfolgt erschienen, bereit, verschiedene Waren an sich zu reißen in ihrem Bedürfnis, sich selbst zu retten, indem sie übermäßige Mengen unterschiedlicher Produkte sammeln. Und ich sah Menschen, ruhig, herzlich, die versuchten, mit ihrem Verhalten und mit Worten der Hoffnung und der Ruhe eine entspannende Wirkung zu erreichen.

Extreme oder außergewöhnliche Situationen können großes Potenzial in uns aktivieren. Sie können uns einladen, aus ihnen menschlicher und solidarischer hervorzugehen. Oder sie können das hervorbringen, was in uns am wenigsten würdevoll ist. Wenn sie das Beste in uns hervorbringen, werden wir diese Wertepädagogik leben, die das beste Erbe für unsere Kinder ist. Wenn sie in Zukunft auf eine ähnliche Situation stoßen werden und sie leben müssen, werden sie eine Vorlage, ein Modell, einen Führer, einen Kompass haben.

Solidarität in ihrer Etymologie bezieht sich auf das, was für alle relevant ist, auf eine gemeinsame Sache. Und es bezieht sich auch auf das lateinische Adjektiv "solidus", das die Qualität des Soliden, Festen, Kompakten ausdrückt. Der Soziologe und Philosoph Zygmund Bauman definiert diese historische Zeit als "flüssig" (flüssiges Leben, flüssige Liebe). Er will damit sagen, dass alles inkonsistent, vorübergehend, instabil, prekär wird.

Wenn wir uns in diese Zeit im Lager der gemeinsamen, unterstützenden Sache wiederfinden, wird unser Leben fester, solider, konsequenter. So können wir vorankommen, so können wir den Stab an unsere Kinder weitergeben.

Hoffentlich können wir dieses Virus der Werte verbreiten.