Der Erinnerung eine Gestalt geben - Der Beitrag der Kunst

Jede Beschäftigung mit der Vergangenheit geht einher mit dem Blick auf die Bedingungen und Möglichkeiten einer das Kollektivgedächtnis nachhaltig beeinflussenden Erinnerungsarbeit. Im Vorfeld unserer Vorhaben befragen wir deshalb die Gesellschaft hinsichtlich der Bedingungen, welche dafür verantwortlich sind, ob die „dunkle Vergangenheit“ durch Erinnerungsarbeit erhellt und auf­geklärt oder ob sie durch Verdrängung und Vertuschung zugeschüttet und vergraben wird.

Erinnerung geschieht demnach nicht von selbst, sondern sie wird gesellschaftlich produziert; sie wird gestaltet und politisch positioniert, denn sie muss gegen die Mächte des Verdrängens und Verleugnens bestehen. Es ist dies ein ständiges Ringen um den Bedeutungsgehalt der Vergangenheit und um die adäquaten Formen der Überlieferung von Geschichte durch „Öffentlichkeitsarbeit“ in Form von Büchern, Gedenkveranstaltungen, Kunstinstallationen, Gedichten, Liedern, Videofilmen usw.). Dabei spielen Rekonstruktion und Darstellung von Geschehnissen an den Tatorten eine herausragende Rolle, denn diese Orte sind es, die von der „betroffenen“ Gesellschaft gerne zugeschüttet, überbaut und bis zur Unkenntlichkeit umgestaltet werden.

Es obliegt der Kunst, hier einen eigenen Weg zu beschreiten, um die emotionale Erinnerung zu stimulieren, wenn die dokumentarischen Erzählungen der Augenzeugen einmal verklungen sind. Wenn die Zeitzeugen bereits gestorben sind, ohne dass die emotionalen Spuren der Vergangenheit nicht wiederbelebt und tradiert wurden, dann wird die Natur ungehindert ihr Werk des Unsichtbarmachens und Vergessens vollenden: Sie lässt Gras und schließlich auch Sträucher und Bäume über die Tatorte wachsen; sie macht die Opfer- und Täter­spuren in gleicher Weise unkenntlich. Die Geschichte und die Orte werden zunächst anonym und dann ihres historischen Sinns entleert. Und der Rest ist Schweigen.

Peter Gstettner

 

 

Studium der Pädagogik und Psychologie in Innsbruck, Habilitation an der Univ. Marburg/Lahn; von 1981 bis 2004 Univ. Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Abteilung für Interkulturelle Bildung; Gründungsmitglied des Mauthausen Komitees Kärnten/Koroška - Gedenkstätte Loibl KZ Nord; Arbeitsschwerpunkte: Interkulturelle Pädagogik, Gedenkstättenpädagogik, ethnische Minderheiten; Autor vieler Bücher, u.a. „Erinnern an das Vergessen“, Klagenfurt/Celovec, Herbst 2011