Erinnerung aus psychoanalytischer Sicht mit Fokus auf die Einzelperson

Wenn wir bedenken, dass es nicht DIE Gegenwart und auch nicht DIE Vergangenheit gibt, sondern immer nur individuell wahrgenommene Gegenwarten und individuell wahrgenommene/ interpretierte Vergangenheiten, lässt sich abschätzen, wie komplex und fluide Erinnerung eigentlich ist. Insofern ist das Thema meines Referats enorm breit!

Ich selber sehe persönliche Erinnerung weniger als Faktum, das im Gehirn gespeichert ist, vielmehr als einen bewegten Prozess der Konstruktion, De-Konstruktion und Re-Konstruktion von (selber) Erlebtem, jeweils neu in der Zeitenabfolge, was sich als Wissen im Gehirn findet und gleichzeitig als Gefühlserbschaft in der Psyche wirkt. „Niemand ist ohne Geschichte“ heißt ja nicht, dass erinnernde Personen immer die gleiche Geschichte vor Augen haben, wenn sie sich an bestimmte Zeiten zurückerinnern. Die eigene Geschichte wächst/ variiert/ gewinnt oder verliert Bedeutungen im Fluss des eigenen Lebensprozesses, die eigene Geschichte verändert sich mit der Verarbeitung von Erlebtem im stets lebendigen lebenslangen Entwicklungsprozess. Dabei verändern sich in der Erinnerung nicht die Fakten selber, wohl aber die Bedeutungen, die ihnen gegeben werden (Spur und Umschrift, nennt es Ilka Quindeau). In Viktor Frankls bewegtem Lebensprozess waren erhebliche Leid-Erfahrungen zu bewältigen. Er fand Wege, auch die bedrohlichen Erlebnisse der NS-Zeit so zu rezipieren und zu verarbeiten, dass er in jeder Situation einen Sinn suchen und finden konnte, mit dem sich das Leben, sein Überleben trotz alledem lohnte.

Auch in meiner Biografie gibt es solche Erfahrungen und Erinnerungen. Ich habe mich mit meinem Buch auf den Weg gemacht, diese physischen und psychischen Erfahrungen, die persönliche Bearbeitung meiner eigenen (Gefühls-)Erbschaften und die Erinnerungen an vergangenes leidvolles Miteinander auszudrücken, sie damit mit anderen zu teilen. Erinnerung, die nicht geteilt und dadurch nicht fluide verarbeitet werden kann, verhärtet. Sie bleibt zwar dennoch sozial wirksam (unbewusst und ungreifbar belastet sie das Umfeld), als soziales Potential wird eine verdrängte Erinnerung der aktiven Gestaltung der Gemeinschaft aber entzogen – sie geht der Gemeinschaft sozusagen verloren. Es ist mir ein Anliegen, dass Menschen von Menschen dialogisch lernen, sich besser verstehen, damit einfühlsamer sein können. Ich möchte meinen Beitrag dazu leisten, dass Menschen reifer werden dürfen und friedlicher miteinander umgehen können.

Dr.in Eva Umlauf

Kurzbiografie